Pretoria und Südafrika
- Live and let work -


Ich wohnte im Nordosten von Pretoria, einer der drei (!) Hauptstädte Südafrikas.
Pretoria ist mit seinen 800.000 Einwohnern vergleichsweise klein gegenüber dem nahegelegenen Johannesburg (4,9 Mio), ist aber dennoch wie gesagt die Hauptstadt. Allerdings nicht der Regierungssitz; das Parlament Südafrikas tagt in Kapstadt (es geht also doch, daß ein Parlament nicht in der Hauptstadt sitzt, diese Erkenntnis hätte uns Deutsche viele Milliarden Mark gespart...).

 

Pretoria
 

1854 wurde die erste Kirche erbaut, um die sich dann im Laufe der Zeit die Stadt ansiedelte, die im Jahre 1895 den Namen Pretoria erhielt.




Pretoria liegt etwa 50 km nördlich von Johannesburg, dem wirtschaftlichen Zentrum des südlichen Afrikas. Im Früjahr, so gegen Oktober, blühen die ca. 70.000 Jacarandabäume in unglaublichem Pink. Der Name "Jacaranda-City" für Pretoria kommt nicht von ungefähr!




Die Familie

Meine Gastfamilie samt Oma und Hund "Tiger". Der jedoch ist einer der schmusigsten Hunde, die ich kenne - selten paßte ein Name schlechter. Von links: Eugenie (mit Hund), Lalie, Eugene, Jopie, Oma.



 

Die Union Buildings stellen den Regierungsbezirk dar. Wunderschön gelegen überblicken sie die ganze Stadt, eine Unmenge Blumen und Sträucher stehen im umgebenden Park.
Nicht weniger zahlreich als die Gewä,chse sind jedoch Security-Männer, die für Ordnung sorgen sollen. Mehr als ein Tourist wurde in der Vergangenheit hier beraubt.


Unten: Zwei Securitymen im normalen Stadtbild.
Security

Doch auch oder gerade in Pretoria ist nicht alles Gold, was glänzt. Wenn man aus der schillernden, sauberen Gegend herauskommt (was man alleine und bei Dunkelheit tunlichst unterlassen sollte!), sieht man das schmutzige Pretoria, das sich außerhalb der Sicht des Pauschaltouristen erstreckt.

 

Wellblech

Wellblech

"Shacks" heißen die Wellblechhütten, die sich die ärmeren 2/3 der Gesellschaft in Eigenarbeit zusammennageln. Über Quadratkilometer erstrecken sich die Townships, die das Auffangbecken für die meisten Schwarzen bilden. Die Regierung versucht heute, die Fehler und Ignoranz der ehemaligen Apartheid auszubügeln, indem Wasser, Elekrtizität und Kanalisation gebaut werden.

Das würde auch funktionieren, wenn nicht aufgrund der nicht vorhandenen Einwohnererfassung deren Zahlungen für eben diese Dinge (und die Steuer natürlich auch) meist ausbleiben. Alle Naslang wird darum in den Townships das Wasser wieder abgedreht, was meist einen internationalen Sturm der Entrüstung hervorruft, wenn im weltweiten Fernsehen die Schlangen vor den wenigen verbliebenen Wasserhähnen gezeigt werden...
Das soll aber bei Weitem nicht heißen, daß das ganze Land schäbig und dreckig ist. Im Gegenteil, große Teile sind, durch das allgemein subtropische Klima begünstigt, wunderschön und bestens in Schuß.
 

Das "Geisterhaus" ist eines der uralten Gebäude Pretorias, d.h. es wurde um die Jahrhundertwende gebaut. Man halte sich dabei vor Augen, daß hier vor 100 Jahren noch Elefanten herumliefen! Jedoch stellt der geneigte Besucher immer wieder eines fest: In Südafrika ist fast jedes Haus von Stacheldraht umgeben.

"Paradies hinter NATO-Draht" könnte man dieses Land nennen, in dem die Guten eingesperrt sind und die Bösen frei herumlaufen.
Obwohl ich selber nie damit in Kontakt kam, sind Gewalt und Kriminalität in SA allgegenwärtig. Das bedeutet, daß die öfentliche Sicherheit nicht gewährleistet ist, Menschen werden bei sich bietenden Gelegenheiten schnell beraubt und dabei meist zumindest schwer verletzt - oft mit Schußwaffengebrauch, denn der illegale Waffenmarkt floriert. Preise gefällig? Ein AK-47 ("Kalaschnikow")-Maschinengewehr kostet umgerechnet etwa 30 DM, wenn man sie morgens bestellt, ist sie abends da.

 

Man tut also sehr gut daran, die Warnungen zu beherzigen und einige simple Dinge zu tun oder zu lassen, die nicht weh tun, aber viel Ärger sparen:
Man gehe nie alleine abends durch die Gegend, unterlasse romantische Schäferstündchen im Auto am See in der Einöde, telefoniere nicht mit dem Handy auf offener Straße, trage die Kamera nicht offen vor dem Bauch und die Geldbörse nicht in der Hintertasche. Man verriegle die Türen des Autos, schließe die Fenster (auch, wenn's warm ist!) und halte abends und nachts nicht an. Nie. Egal, was passiert. Der Trick, sich als Unfallopfer auszugeben, funktioniert immer wieder. Statt dessen fahre man zügig vorbei und alarmiere bei nächster (ungefährlicher) Gelegeheit die Polizei, die dann die Rettungskette in Bewegung setzt.
Bei alledem jedoch ist Paranoia zu vermeiden. Im allgemeinen, und vor allem, wenn man die erwähnten Punkte beachtet, sind Pretoria und Kapstadt ähnlich gefährlich oder harmlos wie Rom und Neapel.
 

Wie gesagt - ich habe mich so verhalten und habe sechs Monate ruhig gelebt.
Mein guter Freund Michael schlug alle Warnungen in den Wind und hat es nicht getan, er fuhr nachts und alleine und mit offenem Fenster und in einem teuren VW-Bus durch ein Township (das sollte man nicht einmal tagsüber tun!), hielt an der Ampel an und entging dem geworfenen Pflasterstein nur um Haaresbreite...

Pretoria, oder besser gesagt ganz Südafrika, ist sehr religiös. Kirchen aller Art findet man hier ausgesprochen viele, durch die Völkervielfalt ein wildes Conglumerat an christlichen, buddhistischen, mohammedanischen, jüdischen und so weiter.
Das Vorhandensein so vieler Kirchen schafft eine Art "Konkurrenzkampf", der mitunter seltsame Blüten treibt...



Schwarze
 

Etwa 40 Millionen der 45 Millionen Einwohner Südafrikas sind schwarz. Trotz der seit 1994 offiziell beendeten Apartheid gibt es weit verbreitet noch große Schwierigkeiten zwischen Schwarz und Weiß, und wenn man die Probleme betrachtet, die es in Deutschland mit Ost und West heute, 10 Jahre nach der Wiedervereinigung, noch gibt, wird deutlich, daß es dort Generationen brauchen wird, bis beide Bevölkerungsteile wirklich zusammengewachsen sind. In viele weiße Köpfe will der Gedanke an gleichberechtigte Schwarze nicht hinein, in vielen schwarzen Köpfen ist die Verbitterung noch viel zu groß für ein friedliches Miteinander.
Den Spruch "Wenn euer Adolf Hitler noch leben würde, könnte er hier mit den Kaffern gleich weitermachen" habe ich mehr als einmal gehört, wobei ich allerdings sagen muß, daß das längst nicht die überwiegende Meinung war. Ich habe meist Menschen getroffen, die ehrlich ein gutes Miteinander praktizierten.


Wo wir gerade vom Aufbruch in die Neuzeit reden - Umweltschutz ist in Südafrika ein völlig unbekanntes Thema. Ob Autos oder Schornsteine, alles qualmt unglaublich. Müll wird meist einfach in die Gegend geworfen, von Mülltrennung hat nie jemand etwas gehört, geschweige denn von Recycling (Ausnahme: Papier & Pappe, Coca-Cola-Flaschen).

 

Meine Brötchen verdiente ich bei Ampath, einem der größten Laborbetreiber hier im Land, in der Maintenance, der "Hausmeisterei".

 

Die Crew
 

Die Maintenance-Crew, mit der ich am Anfang gearbeitet habe. Chaoten vor dem Herren, aber ein liebenswerter Haufen.
Rechts Edward, der tags darauf sein Auto zerschrotete, der kleine Weiße in der Mitte ist Robert, rechts dahinter meine Wenigkeit, links hinter Robert steht Johannes.

Ganz links sehen wir Wimpy samt Tochter, die zwei Stunden brauchte, bis sie mitbekam, daß ich kein Afrikaans spreche. Danach hatte sie einen Heidenspaß daran, Deutsch zu hören und selber nichts zu verstehen.


Die Arbeitsauffassung in Südafrika war anfangs ungewohnt für mich. Die meiste Arbeit wird dort von Hand getan: Wo ich in meiner Lehrziet (Gas- und Wasserinstallateur) elektrisches Gerät benutzt habe, wir hier manuell gewerkelt.

Wände werden mit Hammer und Meißel eingestemmt, Beton mit Schaufeln in den Schukarren gemischt, Holz mit Handsägen zugeschnitten, selbst dieser bentonierte Bürgersteig wurde mit einer Spitzhacke aufgerissen.
Das liegt nicht etwa daran, daß es gute Werkzeuge nicht gibt, sondern an der sorglosen Einstellung der Arbeiter und der damit verbundenen hohen "Verlust"-Quote an wertvollem Gerät, sei es durch Zerstörung oder Diebstahl.

 

Entsprechend der Einstellung "tust du's heute nicht, tust du's morgen" ziehen sich Bauvorhaben in Südafrika in für deutsche Handwerker unvorstellbare Längen.

 

Gewöhnungsbedürftig für mich waren auch die vielen Straßengeschäfte. Das Angebot reicht von Gemüse und Obst über Turnschuhe bis hin zur Handy-Freisprecheinrichtung und Autoreifen.
Noch erstaunlicher als ihre pure Existenz fand ich, daß man oft straßenzügelang die selben Dinge kaufen kann. Konkurrenz? Preiskampf? Mein kapitalistisches Basiswissen scheint nicht zu greifen...